Teamchemie – Und wie geht’s Dir so?
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Teamchemie – Und wie geht’s Dir so?

May 06 Adrian  

Aiming, Taktik, Gameread – alles Komponenten, die von guten Spielern erwartet werden. Wie verhält es sich aber mit anderen Faktoren, die die Performance auf dem Server beeinflussen?

Wir haben uns mit unserem CS:GO Coach Duck getroffen, um über das Feld der Teamchemie zu sprechen, denn oft sind Schwierigkeiten auf dem Server auf zwischenmenschliche Probleme zurückzuführen. Duck war selbst lange Zeit als Spieler aktiv, durchlebte mit seinen Teams Höhen und Tiefen und erfuhr mehrmals am eigenen Leib, wie sich eine schlechte Teamchemie auf die Leistung der Spieler auswirkt. Seit einiger Zeit unterstützt er unsere Jungs auf dem Server, aber auch neben dem Spielgeschehen nimmt er sich die Zeit, Probleme jenseits von Counter-Strike zu bewältigen.

Hallo Duck! Wie würdest Du den Begriff “Teamchemie” generell definieren?

Für mich wäre “Teamchemie” generell die Dynamik innerhalb eines Teams. Dazu zählt natürlich der Umgang zwischen den Spielern, d.h., wie sich die einzelnen Jungs untereinander behandeln. Nicht zu vernachlässigen ist auch die generelle Stimmung im Team, die sich aus den zuvor genannten Faktoren ergibt: Zur Stimmung zählt z.B., wie hyped einzelne Spieler sind, also wie emotional sie sind. Natürlich gibt es Leute, die von Natur aus eben ruhiger sind und wiederum andere, die einzelne Plays oder Runden extrem feiern. Wenn man dann jemanden im Team hat, der sehr emotional ist, kann sich dieser Hype auch auf die anderen Spieler übertragen.

Der Umgang zwischen den Spielern ist ausschlaggebend für die Teamchemie: Wie reden Spieler miteinander, wer mag wen, wie sieht der gegenseitige Respekt aus, wer hat welchen Stellenwert im Team? Gerade in Bezug auf diesen Aspekt wird es in Teams häufiger problematisch, denn eine Teamkonstellation, die auf den ersten Blick vielversprechend aussieht, kann sich später als fatal herausstellen, wenn es zwischen den Spielern einfach nicht klappt. Das reicht bis hin zur Unzufriedenheit der Spieler, z.B. was die Rollen im Spiel angeht. Tatsächlich ist es mir mal passiert, dass ein Spieler zu mir kam und sich über einen anderen Spieler aufregte, weil dieser ihm die Rolle stehle. Dementsprechend kann es auch vorkommen, dass ein Spieler mit der Teamchemie glücklich ist, ein anderer aber gänzlich unzufrieden ist.

Warum ist die Teamchemie für die Leistung eines Teams so wichtig?

Es ist eben ein Aspekt, der oft etwas unterschätzt wird, gleichwohl aber unglaublich wichtig ist – gerade in CS:GO. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass ein Team, das statistisch gesehen vielleicht aus schlechteren Einzelspielern besteht, durch gute Teamchemie dennoch besser sein kann als ein Team, dass aus 5 Stars besteht. Dass die Teamchemie ausschlaggebend für den Erfolg ist, konnte ich selbst in meinen Teams erleben.

Ein anderes Beispiel: Ein Team ist auf der Suche nach einem neuen Spieler. Die erste Auslese ergibt zwei Spieler, die zur engeren Auswahl gehören. Spieler 1 ist vom Aiming her, bzw. von dem, was auf dem Server passiert, geringfügig besser als Spieler 2. Mit Spieler 2 haben sich aber alle Spieler von Anfang an super verstanden – die Teamchemie stimme also! Sozusagen ist es dann wie ein Puzzlestück, das gefunden wird. Dabei spielt es primär keine Rolle, ob man mit einem Spieler befreundet ist, sondern es geht darum, dass die zwischenmenschliche Beziehung in Ordnung ist. So können beispielsweise auch Dinge, die zuvor z.B. auf nuke noch prima funktioniert haben, mit einem neuen Spieler plötzlich schiefgehen. Was ich damit sagen will: Prinzipiell wirkt sich die Teamchemie auf alle Komponenten des Gameplays aus, denn Spieler müssen einander vertrauen und sich gut absprechen können, was eben am besten dann funktioniert, wenn die Teamchemie passt.

Was können Spieler und Organisationen tun, um die Teamchemie zu verbessern – Treffen, LANs und Co.?

Treffen sind durchaus wichtig, denn auch dieser Aspekt wird oft unterschätzt. Leute verhalten sich einfach anders, wenn sie hinter ihren Bildschirmen sitzen und man ihnen nicht direkt ins Gesicht schaut beim Sprechen. Viele Probleme im Internet – und das ist nichts Neues – kommen auf, weil Leute eben Dinge tun oder sagen, die sie sich im “echten” Leben nicht trauen würden.  Von Angesicht zu Angesicht hat man nicht nur den Nickname vor sich, sondern einen Menschen, was einen großen Unterschied macht. Innerhalb eines Teams ist das ähnlich. Den Mediaday von EURONICS Gaming nahm ich mir deshalb auch gleich zum Anlass, die Spieler mal persönlich kennenzulernen. Dadurch konnte ich sehen, welche Stimme zu welcher Person gehört, denn nicht gerade selten stellt man sich die Leute auch völlig anders vor.

Stellen wir uns mal vor, ein Spieler ist von seiner Art her sehr ironisch. Eine Ironie lebt von Gestik und Mimik und im Teamspeak gibt es diese Faktoren nun einmal nicht. Dadurch könnte es zu Missverständnissen kommen. Kenne ich diesen Spieler aber persönlich von einem Event, dann kann ich mir z.B. vorstellen, welches Gesicht er bei der Aussage gerade macht. Ich würde seinen Spaß bzw. seine Ironie besser verstehen, weil ich einfach weiß, wie er tickt. Die Wahrnehmung im Teamspeak könnte sich somit nach einem Treffen vermutlich ändern.

Ich persönlich bemühe mich immer um eine gute Teamchemie, indem ich viel mit den Spielern rede. Teilweise sitzt man auch mal mehrere Stunden nach dem Pracc noch im Teamspeak und redet – nicht nur über CS! Oft gehen die Probleme tiefer, als es auf den ersten Blick in der Situation den Anschein macht. Wichtig ist es, Probleme anzusprechen, um zu verstehen, wieso sich Spieler XY in dieser Situation so verhält. Je nachdem, was das Gespräch ergibt, kann ich dann Dinge in die Wege leiten, um die Probleme zu lösen und die Situation zu verbessern. Also, mein Rezept: Kommunizieren!

Wie schwer ist es Deiner Meinung nach dann bei bezahlten Teams, eine gute Teamchemie herzustellen, denn nicht immer sind die Spieler in Wechsel involviert?

Das ist eine gute Frage. Ehrlich gesagt habe ich davon bereits gehört. Wenn ich mich jetzt aber auf EURONICS beziehe, dann kann ich von diesen Problemen nicht berichten, denn wir haben schon eine gewisse Freiheit. Natürlich erhalten auch wir Vorgaben, aber die Organisation ist sehr daran interessiert, dass wir uns alle wohlfühlen. Wenn es um Spielerwechsel geht, dann ist unser Input bzw. unser Wunsch schon die Grundlage für einen Wechsel, denn es ist sehr wichtig für uns, dass der Spieler ins Team passt.

Wenn zu sehr darauf geachtet wird, wie viel Nutzen ein Spieler der Organisation bringt, z.B. durch Social-Media-Reichweite, dann kommt der Aspekt der Teamchemie einfach zu kurz. Wie ich bereits angedeutet habe: Oftmals ist es wichtiger, dass jemand ins Lineup passt, auch wenn es vielleicht einen besseren Aimer gegeben hätte.